Die Fortgejagten

autor mirjam Die Fortgejagten

Das erste Mal begegnete uns einer der Fortgejagten, als wir – hübsch gekleidet – einen Freund in einem Hotel besuchen wollten. In der Zona Colonial. Die Zone, die massenweise Touristen anlockt. Deshalb stehen in dieser Altstadt von Santo Domingo wunderschöne Restaurants und unzählige Souvenirshops. Ein Junge, etwa zehn oder zwölf Jahre alt, lief auf uns zu. Seine Haltung gebeugt, seine Zähne verdreckt und seine Kleider zerlumpt. Vom ersten Moment an war klar: Der will unser Geld.

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KEINE UNTERSTÜTZUNG

Ich als Europäer bin es gewohnt, bettelnden Menschen auf der Strasse kein Geld zu geben. Weil ich weiss: Davon kaufen sie sich Drogen. Ich als Europäer denke, dass es einen Staat gibt, der sie versorgt. In der Dominikanischen Republik werden die Bettler und Armen nicht vom Staat beschützt. Im Gegenteil. Wir fragten den armen Jungen, ob er Hunger habe. «Wir geben dir kein Geld, wir laden dich zum Essen ein.»

SCHLECHT BEHANDELT

Wir sahen, dass seine Augen leuchteten. «Si, tengo hambre.» Er habe Hunger. Dann wich er einen Schritt zurück und meinte, dass er uns nicht begleitet. Wir fragten verwirrt nach weshalb nicht. Wir würden zahlen. Er schüttelte vehement den Kopf. Ich fragte nach, warum er zögerte. «Die schicken mich weg.» Meinte er. «Die behandeln mich schlecht.» Wer? Ich schaute den Jungen traurig an. War das ein Trick, um an unser Geld zu kommen? Wir hatten keines da, da wir mit Karte zahlten. Ich entschuldigte mich. Wir können nicht helfen.

NICHT WILLKOMMEN

Er drehte sich um, rief uns zu, dass Gott uns beschützen werde und verschwand zwischen Autos und Passanten. Einerseits fühlte es sich falsch an, den hungernden Jungen ziehen zu lassen. Andererseits war er auf der Suche nach Geld und wir hatten keines. Wir ahnten nicht, dass er in der Touristenzone wirklich nicht willkommen war.

FÜR DIE TOURISTEN

Danach fiel es mir das erste Mal auf: In der Fussgängerzone der Zona Colonial sitzen keine Bettler. Und die Gesichter derjenigen, die betteln oder sogar stehlen, sind hier bekannt. Einige Männer sind für die Sicherheit der Touristen zuständig und jagen die Verdächtigen auf und davon. Mit Gewalt, wenn es sein muss. Für die Touristen eine angenehme Situation. Solange sie nichts mitbekommen. Für die arme Bevölkerung der Dominikanischen Republik ein hartes Schicksal. Sie werden unsanft in eine Ecke gedrückt. Ohne Geld, Versorgung und Essen.

KONTAKT MIT FREMDEN

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die: Unter den Armen sind Diebe, denen weder wir, noch andere Touristen begegnen wollen. Als ich mit Nathan und Elea alleine unterwegs war, lief ein gut gelaunter Dominikaner auf mich zu. Wo ich herkomme und ob mir die Kolonialzone gefällt und schon waren wir im Gespräch. «Komm, ich zeig euch die Gegend.» Das war der Satz, der fiel, ehe er mit uns weiterlief. Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Den netten Mann fortjagen? Ihn bitten zu gehen? Oder würde ich mich damit einreihen in die Ungerechtigkeit?

DRAMATISCHES ADIOS

Skepsis wegen unfairer Vorurteile? Irgendwann dachte ich mir – Vorurteile hin oder her – ich bin nicht für den Frieden auf der Welt, sondern für meine Kinder verantwortlich. Ich bat den Mann freundlich zu gehen. Er wollte nicht. Ich wurde etwas ernster und da passierte es. Er schrie, fuchtetelte mit den Händen und ich flüchtete mit den Kindern in ein Geschäft, das den aufgebrachten Mann davon scheuchte. Zu meinem Glück.

GUT UND BÖSE

Bei allem Mitleid und aller Sorge, die oft berechtigt ist: Unter den Armen gibt es schlechte Menschen und unter den Reichen. Und manchen, die in Santo Domingo von der Touristenzone verjagt werden, widerfährt himmelschreiende Ungerechtigkeit. Andere werden verjagt, damit eine Mutter mit zwei kleinen Kindern in Sicherheit ist. Das ist eine Gratwanderung. Und ich wünschte, ich könnten viele Menschen in der Dominikanischen Republik zum Essen einladen. Oder einer Mutter den Arzt finanzieren, die kein Geld für die medizinische Versorgung von ihrem Kind hat. Und ich wünschte, andere würden aufhören, Touristen als lukrative Geldanlage zu sehen und sie mit Tricks und Gemeinheiten in ihrer Sicherheit gefährden.

EINE WELT OHNE VORURTEILE

Die Schere klafft auseinander. Weil einige nicht helfen können und andere sich nicht helfen lassen wollen. Eines Abends kam Michael nach Hause und erzählte mir, dass er einen jungen Mann zum Essen einlud. Der junge Kerl wollte ihm die Schuhe putzen und Michael lud ihn stattdessen auf Burger und Pommes ein. Sie unterhielten sich über sein Leben, seine Familie und darüber, dass das Leben hart ist. Ohne Arbeit und ohne Geld. Er sagte Michael beim Abschied, dass er jetzt zur Familie gehöre. Als Michael mir diese Geschichte erzählte, dachte ich, wie schön es wäre, wenn die Welt auf diese Weise funktionieren würde. Ohne eine Schere. Ohne Fortgejagte und solche, die aus Angst flüchten.

Von was leben wir?
Ortsunabhängig studieren zwischen Fahrradtour und Strand

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