Helfen – geht leider nicht

autor michael 2 Helfen geht leider nicht

Helfen ist kompliziert. Was sich zunächst romantisch anhört, stellt sich als echte Hürde heraus. Ich gehe davon aus: Wir werden das auf unserer Weltreise immer wieder merken.

«WIR WOLLEN EURE HILFE NICHT!»

Hilfswerke sagten uns ab, mit der Bemerkung, dass sie grundsätzlich keine Freiwilligen mehr einladen. Warum? Solidarmed, ein Hilfswerk, das medizinisches Wissen den ärmsten und abgelegensten Orten der Welt vermittelt, sagte klipp und klar: «Wir wollen euren Besuch nicht!» Solidarmed sagte nicht ab, ohne uns Rede und Antwort zu stehen. Warum ist ein Besuch nicht möglich?

BENJAMIN GROSS VON SOLIDARMED

Benji Gross ist ein Mensch mit zwei tollen Eigenschaften. Zum einen ist er wirklich sympathisch. Zum anderen hat Benji Bross eine klare Haltung, wenn es um seinen Job geht. Eine tolle und wichtige Kombination. Benji ist Mediensprecher von Solidarmed und hört sich immer wieder schwierige Fragen an. Zum Beispiel meine Fragen.

INTERVIEW MIT BENJI

Ich nahm mit Solidarmed Kontakt auf und fragte: «Dürfen wir ein Projekt besuchen, mithelfen und darüber berichten?» Die Antwort von Benji Gross war ungeschnörkelt und unmissverständlich: «Nein!»

Er bot mir stattdessen an, sich mit mir in der Schweiz zu treffen und allen meinen Fragen Rede und Antwort zu stehen. Wir trafen uns. In Olten im Bahnhofbuffet. Kurz vor unserer Abreise nach Costa Rica. Hier das Interview.

VLOG Helfen geht leider nicht

SCHAUEN, STATT LESEN:

BENJI GROSS, WIR DÜRFEN DIE SPITÄLER VON SOLIDARMED IN AFRIKA NICHT BESUCHEN. WARUM?

Benji Gross: «Stimmt, wir erhielten von euch per Email eine Anfrage. Daraufhin besuchten wir eure Website. Wir prüfen Anfragen, wie eure, immer seriös. Nebst dem, dass ich Michael von früher kenne (wir arbeiteten kurzzeitig zusammen bei Radio KanalK) wirkte eure Website auf mich sympathisch. Sie zeugt von einem grossen Engagement und der unglaublichen Absicht, etwas zu einer besseren Welt beizutragen. Unsere Absicht ist dieselbe.

Ein Besuch von euch wäre ein grosser Aufwand unsererseits. Vor allem für diejenigen, die in den abgelegenen Gebieten dieser Welt die Hilfe im Einsatz sind und euch empfangen würden. Wir können einen solchen Aufwand höchstens leisten, wenn wir dafür ein grosses Publikum kriegen und das ist bei euch aktuell nicht der Fall. Wenn zum Beispiel das Schweizer Fernsehen einen Beitrag über uns senden will, sieht die Situation wieder anders aus. Dann hätten wir ein grosses Publikum, das auf unsere Themen sensibilisiert wird und wir generieren Spenden. Uns ist es wichtig bei solchen Fragen ehrlich zu sein und die Situation zu erklären.»

WIE SIEHT EIN SOLCHER AUFWAND AUS?

«Wenn ein einzelner Afrikakorrespondent kommt, der sich auskennt und weiss, wie er entlegene Orte erreicht, dann ist das etwas anderes, als wenn uns europäische Gäste besuchen. Wir holen diese bereits am Flughafen ab und quartieren sie ein. Von diesem abgelegenen Flughafen, geht es weiter in das viel abgelegenere Projektgebiet. Dort seid ihr komplett abgeschnitten. Da fährt kein Bus hin.

Dann organisieren wir eine Übernachtungsmöglichkeit – dort gibt es weit und breit kein Hotel. Wir würden euch bei einem unserer Mitarbeiter einquartieren. Diese Gastgeber sind verantwortlich, dass ihr Essen habt. Und sie sind dafür da, um euch bei einem spannenden Ereignis an den richtigen Ort zu bringen. Sei dies in einem Spital oder in einem Dorf. Ein Medienbesuch nimmt, nach unserer Erfahrung, drei Tage von einem Mitarbeiter in Anspruch. Da ist es uns im Gegenzug wichtig, dass ein solcher Medienbesuch möglichst viele Leute erreicht.»

WÄRE DAS ANDERS, WENN ICH EINE MEDIZINISCHE AUSBIILDUNG HÄTTE?

«Wir erhalten manchmal Anfragen von ausgebildeten Medizinern, die ihre Zeit als Assistenzarzt hinter sich haben und für ein halbes Jahr ihre Hilfe anbieten. Wir prüfen das gerne. In manchen Situationen, sind wir froh um solche Menschen.

Die Mehrzahl unserer Leute engagieren sich drei Jahre. Die neuen Mitarbeiter benötigen ein halbes Jahr Einarbeitungszeit, um ein Projekt zu übernehmen. Wenn sie ihre Dienstzeit beenden, ist es umgekehrt dasselbe. Sie benötigen Zeit, um ihr Projekt zu übergeben – etwa ein halbes jahr. In der restlichen Zeit von zwei Jahren, floriert das Projekt.

Und das ist wichtig. Um zum Beispiel eine Solaranlage am richtigen Ort zur richtigen Zeit im richtigen Kontext zu installieren. Um Finanzen zu organisieren, um Medikamente zu bestellen. Wir bestellen beispielsweise keine Medikamente aus Europa, damit sich das Spital selber trägt. Das sind sogenannte public health Aufgaben und keine medizinische Aufgaben. Du machst keinen Kaiserschnitt und hilfst damit zwei Personen und gehst dann wieder. Das ist nicht nachhaltig. Wir legen Wert darauf, Nachhaltigkeit zu generieren.»

AUF DER EINEN SEITE SEID IHR AUF SPENDENGELDER ANGEWIESEN, AUF DER ANDEREN SEITE EMPFANGT IHR NICHT JEDEN JOURNALISTEN?

«Wir gehen da verschiedene Wege. Der eine ist die Medienarbeit. Hier braucht nicht jeder eine Reise in unsere Projektgebiete zu machen. Wichtige Infos reichen vielen Medien. Wir beschäftigen zum Teil selber Fotografen, welche uns helfen, die Arbeit zu dokumentieren. Damit informieren wir die Spender, das DEZA oder grössere Gönner. Wir versuchen uns im Übersetzen, zwischen dem afrikanischen Kontext und unserem Verständnis. Wir erklären die komplexe und meist vorwiegend technische Arbeit, damit es alle verstehen, Wenn du weder vom Fach bist, noch Afrika kennst, ist das kaum möglich.

Die Medien sind ein Weg, um über die Themen zu sprechen und die Schweizer zu sensibilisieren. Ich finde, die abgelegenen Gebiete in Afrika sind zu selten Thema. Die meisten Menschen dort sterben an Krankheiten, die behandelbar sind. Jedes Jahr sterben fünf Millionen Kinder. Ich ärgere mich immer über den Medienrummel nach einem Erdbeben oder einem Tsunami. Darüber berichten die Medien monatelang. Zur gleichen Zeit sterben x-fach viele Kinder an Durchfall, Lungenentzündung und Malaria. Das ist selten ein Thema. Da ist nicht Hungersnot die Ursache, sondern eine problemlos zu behandelnde Krankheit. Da bin ich in der Zwickmühle: Einerseits freue ich mich über jeden, der über diese Realität berichtet. Andererseits ist der Aufwand zu hoch.»

SAGEN WIR MEIN ONKEL SPENDET EUCH 200 MILLIONEN FRANKEN - WÜRDET IHR IHN EINLADEN?

«(lacht) Wenn er 200 Millionen spendet, darf er selbstverständlich kommen. Nicht, weil er ein besserer Mensch ist, als du, sondern weil er mit den 200 Millionen wirklich etwas bewegt. Neben dem Engagement der Leute in Arbeitszeit, ist Geld eines der wirksamsten Mittel um etwas zu bewegen. Solidarmed ist ein kleiner Player. Hier gilt: Wenn wir eine Spende von 20 Franken mit ganz viel anderen Spenden von 20 franken addieren, bewegen wir damit etwas Grosses.

Wenn jede Spende von 20 Franken einzeln nach Afrika geht, dann ist die Spende zu unkoordiniert, um etwas effektiv auf die Beine zu stellen. Wenn dein Onkel die 200 Millionen spendet, starten wir mit ihm ganze Projekte. Engagement ist wichtig. Wir behalten immer die Nachhaltigkeit im Auge. Mit dem vielen Geld könnte man gleich an mehreren Orten Operationssäle bauen. Unsere Aufgabe ist es dann, das Personal auszubilden und die Kosten langfristig zu decken. Nachhaltigkeit ist ein blödes Wort, aber es ist unendlich wichtig. Wenn die nicht wäre, wären selbst 200 Millionen schnell verschleudert.»

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