«Ihr seid die dummen Touristen»

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Wir waren zwei Wochen in Boruca, einem Dorf für indigene Ureinwohner. Die Zeit war traumhaft erholsam. Ein Dorf, friedlich wie kein zweites. Harmonie und Ruhe. Kein Stress, kein geschäftiges Treiben. Für eine Familie auf Weltreise mit Kindern und Fahrrad ein perfekter Kurzurlaub. Einmal sassen wir im süssen Nichtstun und ich sagte zu Mirjam: «Schau, der Mann da, der ist der einzige der hier wirklich arbeitet.» Dort beschlich mich ein komisches Gefühl. Und jetzt weiss ich warum.

Die erste Woche in Boruca nahm uns unsere Gastfamilie in Boruca freundlich auf. Wir fühlten uns willkommen und umsorgt. Irgendwann schien ihre anfängliche Motivation zu kippen. Statt Reis mit Bohnen, Salat, Fleisch und Bananen, bekamen wir nicht mehr als Reis mit Bohnen serviert. Wir fragten uns, woher der Wechsel wehte. Wir blieben entspannt und machten uns keine grossen Gedanken.

CARLOS KING - EIN WASCHECHTER UREINWOHNER?

Wir fuhren nach Boruca in Richtung Palmar Norte und trafen Carlos. Carlos King. Nein, wir reden nicht von einem Kleinstadt Gangster. Carlos King ist etwa 50 Jahre alt und nennt sich selbst «artisto». Er schreibe Lieder und ein Buch, erzählte er uns. Das Landschaftsbild, das an der Betonmauer unseres Hostels prankte, sei sein Kunstwerk. Ein Ode an die Landschaft Costa Ricas.

Er sei ein waschechter Indigeno, meinte er und nahm seine Baseballkappe vom Kopf, um uns sein schwarzes, dichtes Haar zu zeigen. Seine Grossmutter sei «pura Boruca» – eine echte Borucanerin. Mit dem, was da oben im Dorf passiert, habe er nichts zu tun.

Abgesehen davon, dass er darüber ein Buch schreibt. Über Boruca. Über Wahrheiten und Lügen. Und über dumme Touristen.

DIE DUMMEN TOURISTEN

Wir verbrachten den Abend im Hostel damit, mit Carlos zu reden. Wir erzählten ihm von unserem Aufenthalt in Boruca. Von dem Reis mit Bohnen. Und davon, dass wir an den spektakulären Festtagen nicht mehr als einen Tag mitfeierten. Wir waren besorgt, dass unsere Kinder um den Schlaf kommen. Und natürlich wir.

Carlos Sorge war ganz eine andere. «Die Feste von Boruca sind eine reine Lüge. Alles was die euch erzählen, ist reine Erfindung. Ihre Masken und das traditionelle Schauspiel ‚juego de los diablitos‘ – Das hat keine Tradition.»

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DIE WAHRE GESCHICHTE

Und was hat dann Tradition? Die Spanier kamen nach Costa Rica und zerstörten die ganze Kultur der Ureinwohner. Sie verloren ihre Sprache, ihr Land, ihre Würde.

Wie mutige Diablitos gegen den spanischen Stier kämpfen – eine Erfindung. Die Wahrheit ist eine dreckige und traurige. Vergewaltigte Ureinwohnerinnen, Armut und Diskriminierung. Seine Familie gab ihm dieses Andenken weiter.

DAS GROSSE GELD

Und vor rund 30 Jahren, erzählte Carlos King weiter, seien die Amerikaner gekommen und brachten den Indigenos bei, wie sie Tourismus rund um Traditionen aufbauen. Sie erklärten: Touristen gehen in Zoos, Nationalparks, in Museen und in Dörfer der Ureinwohner. Dort ist das grosse Geld zu holen.

AUF TOURISTEN ZUGESCHNITZT

Und niemand will arme, hungernde Indigenos sehen. Eine vergewaltigte und vergessene Kultur lockt keine Touristen an. Darum kam jemand, meinte Carlos, und zeigte dem armen Pöbel, wie Marketing funktioniert. Und wie du kunstvolle Masken schnitzst. Einzigartige Masken. Schöne Masken. Masken, die Touristen faszinieren und ihnen Geld entlocken. Dazu noch eine nette Geschichte, ein traditionelles Fest und schon klingeln die Kassen pünktlich zum Jahreswechsel.

ABGEZOCKT?

Er wirkte verärgert. Carlos – ein egozentrischer Künstler, der davon träumt gross raus zu kommen? Wir hörten ihm zu und fragten ihn aus. Wir hätten ihn als Verrückten abgestempelt, wenn unser Gefühl nicht unsere Neugierde geweckt hätte.

Wir erzählten Carlos, was wir für unsere Unterkunft bezahlten. Das Zelt vor ihrer Hütte, der Reis mit Bohnen und der Wasserverbrauch – dafür kassierten sie rund 60 Euro pro Tag. «Ihr wisst, dass der Staat denen das Leben finanziert?»

«DIE TOURISTEN SIND SELBST SCHULD»

Wir wussten es nicht. Wir ahnten es. Das Gefühl irgendwann während unserem Aufenthalt von Familie, zu Gästen mit Klingelbeutel degradiert worden zu sein, war da. Carlos King fand, dass die Touristen selbst schuld seien. Sie kommen, lassen Geld liegen und kriegen dafür eine Lüge aufgetischt. Wir fragten ihn, wie ein Tourist vorab die Wahrheit aufdecken könnte. Darauf hatte er keine Antwort.

Der Staat finanziert den Borucanern Projekte und die Schlauen zweigen das Geld für sich ab. Und die weniger Schlauen haben gar nichts. Wie zum Beispiel die Schwestern Ofelia und Adelaida.

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UNSERE DUMMHEIT

Wir genossen unseren Aufenthalt in Boruca. Wir schlossen einige der Leute dort ins Herz.

Dennoch: Für uns ist klar, dass wir darüber schreiben, was Carlos King uns erzählte. Es klingt weniger schön, als die Geschichte mit den Masken und zerstört manche touristische Träume. Wir glauben: Wir fielen auf eine Lüge herein. Auf einen Marketing Gag. Auf eine Gemeinschaft, die sich ihr Geld ohne zu arbeiten verdient und von der Dummheit der Touristen lebt. Von unserer Dummheit.

DAS GESCHÄFT MIT DEM TOURISMUS

Uns beschäftigt das Thema Tourismus eine ganze Weile. Wir sind für die Einwohner hier Touristen. Menschen mit Schweizer Pass und mucha plata. Wir wollen nicht die Hotspots besuchen. Wir wollen dort sein, wo sich das echte Leben abspielt. Und wir merken, dass das unglaublich schwierig ist.

Ein Beispiel: Der Berg mit den meisten Besuchern in der Schweiz ist die Jungfrau. Warum? Weil die Marketingabteilung der Jungfraubahnen professionelle Arbeit leistet. Ist die Jungfrau der schönste Berg? Ich war ein paar mal oben und finde nicht. Schlägst du einem Chinesen in Interlaken vor, auf den Pilatus zu gehen, weil es dort viel schöner ist, ist seine Antwort klar. Nein, der geht auf die Jungfrau.

WAHRE GESCHICHTEN

Der Tourismus ist ein Geschäft. Und der bessere Verkäufer gewinnt. Wir hoffen, dass wir lernen in das echte Leben einzutauchen. Und wir fragen uns, wie wir das schaffen. Wir hoffen wir finden es heraus und erzählen euch in Zukunft Geschichten, die das echte Leben schreibt.

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