Mein Sohn, die Wellen und ich

autor michael 2 Mein Sohn, die Wellen und ich

Eine Welle nach der anderen rollte über uns hinweg. Nathan krallte sich an mich und versuchte nach Luft zu schnappen. Ich schwamm wie ein Irrer und während ich versuchte nach Luft zu schnappen, wurde ich von Nathan fast erdrückt.

UNSER ERSTER TAG AM MEER

Es war ein grossartiger Tag. Endlich waren wir in Parrita, an der Küste. Drei Wochen nach unserem Flug nach Costa Rica waren wir am Meer. Der touristische Höhepunkt dieses Landes: Traumstrände und unglaubliche Buchten. Wir stellten unsere Taschen in der neuen Unterkunft ab und fuhren an den Strand. Joao ist kein Strandfan und blieb zurück.

«WIR LEBEN NOCH»

Am Strand angekommen, bestellten wir uns in der Strandbar zuerst einen Fruchtsaft – Einer dieserr feinen fruchtigen gesunden Shakes. Pura vida.

Ein Moment für die Ewigkeit, den wir auf Facebook teilten. «Wir leben noch.»

 

Am Abend zuvor campierten wir fernab der Zivilisation. Weit weg von Wlan und Mobilfunknetz und mitten im Regen. Jetzt genossen wir die Sonne, die Drinks, das Meer, umso intensiver.

DAS GLÜCK EINER WELTREISE

Ich lief mit den Kindern voraus an den Strand. Kilometerlanger schwarzgrauer Strand – fast ohne jede Menschenseele. Ein paar Einheimische sassen wenige Meter entfernt um ein Lagerfeuer. Die Wellen waren hoch und Mirjam und ich genossen das salzige Wasser. Den Kindern war das Meer nicht geheuer. Sie vergnügten sich mit dem Sand und sammelten Äste. Pures Glück.

INS MEER MIT NATHAN

Irgendwann lief ich zu Nathan und fragte ihn: «Willst du mit mir ins Meer?» Zögerlich kam er mit.

 

Wir liefen zehn Meter hinaus. Dorthin, wo die Wellen verebben. Er fand Spass an der Sache, an den Bewegungen der Wellen und am warmen Meer. Ich stand kniehoch im Wasser. Die höchsten Wellen kamen mir knapp über die Hüfte. Alles im Griff, dachte ich. Wir waren nicht zu weit draussen und ich stand ohne je das Gleichgewicht zu verlieren.

EINE WELLE AUS DEM NICHTS

Dann kam sie. Diese Welle aus dem Nichts, die uns überflutete und mich aus dem Gleichgewicht brachte. Ich spürte den Boden unter den Füssen nicht mehr.

 

Das heisst: Ich schwamm im offenen Meer. Mit meinem Sohn. Nathan krallte sich an mich. Ich blieb gefasst und dachte mir, dass sich das Wasser wieder normalisieren wird. Bis dahin schiwmme ich und versuche mit den Füssen Boden zu spüren. Die nächste Welle kam. Ich hielt Nathan über meinem Kopf, damit er kein Wasser schluckte. Ich schwamm nach vorne und mir schoss durch den Kopf: «Das Wasser ist immer stärker.» Ich schaute zum Strand und sah Mirjam schreien. Sie schrie nach uns und um Hilfe. Die nächste Welle kam.

GENUG KRAFT?

Als ich zum Strand sah, bekam ich das Gefühl, dass wir nicht wegdrifteten. Immerhin. Ich schnappte nach Luft und Nathan schrie. Er begriff, dass es ernst war. Die nächste Welle kam. Meine Beine wurden allmählich schlapp. Ich dachte an den Marathon und an meine vielen Trainingsstunden. Und ich dachte an meinen verstorbenen Freund, von dem Nathan seinen Namen hat. Mein Freund starb im Wasser. Ich dachte: «Nathan, alter Freund, ich komme heute nicht zu dir.» Die nächste Welle kam.

GENUG KRAFT FÜR UNS BEIDE?

Da begriff ich etwas, das ich nie mehr im Leben vergessen werde. Und es ist das einzige, was mich zum Nachdenken bringt. Nicht, dass ich hätte sterben können. Nicht, dass ich Mirjam und Elea zurücklassen würde. Nicht, dass ich leichtsinnig war. Ich begriff, dass ich an einen Punkt kommen könnte, an dem ich über Leben und Tod entscheiden würde. Nathan bei jeder Welle über das Wasser zu halten und seinen Arm von meinem Hals zu lösen, um etwas Luft zu atmen – das war auf Dauer nicht machbar. Ohne Nathan, ohne meinen Sohn, würde ich überleben. Ich hätte meine Arme frei, um zu schwimen. Ich könnte besser atmen, würde weniger Wasser schlucken. Ohne Boden unter den Füssen und mit jeder weiteren Welle, würde ich diesem Punkt näher kommen. Ich müsste entscheiden. Er oder wir beide.

GESCHAFFT

Die nächste Welle kam. Ich betete und nahm die nächste Welle. Lang halte ich das nicht mehr aus. Und ich betete, dass ich genug Kraft behielt, um es mit Nathan zu schaffen. Die Welle verebbte und ich stand. Das Wasser wieder bis zu den Hüften. Die Füsse am Boden. Nathan schrie.

 

Ich drückte ihn an mich, um ihn zu beruhigen. Mirjam war zum Strand zurückgekehrt, um bei Elea zu sein. Sie rannte uns entgegen und nahm Nathan zu sich.

 

Ich fiel erschöpft auf den trockenen Sand.

DIE KINDER UNTER SCHOCK

Mirjam erzählte mir später, dass Nathan sich sofort von ihr löst und schnellen Schrittes zu seinem Fahrrad lief. Er war aufgelöst und sagte, dass er schnell nach Hause müsse. Heim zu Joao. Weg, ganz weit weg von den Wellen.

 

Elea sass neben mir und weinte.

EIN VERRÜCKTER MANN

Wenige Minuten später sassen wir in den Strandbar und assen Fischsuppe. Oder ich ass Fischsuppe. Mirjam war bleich im Gesicht. Der Schrecken war längst an mir vorbeigezogen. Mirjam sagte mir, dass die Männer am Strand den Notruf wählten und ihr kopfschüttelnd vorwarfen, dass ihr Mann verrückt sei. Hier seien viele Menschen in den Wellen gestorben. Nathan und ich nicht.

FASZINIERT VON DEN WELLEN

Nach der Suppe, lief ich mit den Kindern zurück an den Strand. Ich zeigte ihnen die Wellen. Nathan beobachtete das Wellenspiel zuerst ängstlich, dann fasziniert. «Schau mal die grosse Welle, Papa.» Eine Stunde lang bestaunte er jede Welle. Er traut sich mittlerweile wieder ins Meer. Elea nicht. Sie schreit, wenn wir uns dem Meer nähern und bittet uns nicht baden zu gehen. Wir hoffen, dass sie den Schock überwindet. Für mich persönlich war das Thema vorbei, als ich wieder Boden unter den Füssen spürte.

DAS RISIKO REIST MIT

Einzig der Gedanke, dass ich ohne Nathan mit Sicherheit überlebt hätte. Der beschäftigt mich. Bin ich zu egoistisch? Zu leichtsinnig? Zu risikofreudig? Bin ich ein guter Papa?

 

Ich bin, wie ich bin. Darum sind wir als Familie auf Weltreise. Darum werden die Kinder und wir als Familie ganz viele tolle Momente geniessen. Wir werden staunen, lachen, weinen, tanzen, bedrückt sein, uns umarmen. Das Risiko reist mit.

WOFÜR ICH KÄMPFTE

Wenn ich Nathan später einmal diese Geschichte erzähle, hoffe ich, dass er versteht, dass ich nicht um unser Überleben kämpfte. Ich kämpfte dafür, nicht entscheiden zu müssen ihn loszulassen. Mit all meinem Muskeln und mit meinem schmalen Verstand, versuchte ich die Entscheidung zu umgehen.

 

Und dass ich dankbar dafür bin, dass die Kraft ausreichte, dass die Wellen verebbten und dass wir als Familie weiterhin auf Weltreise sind.

Zip Lining - Rausch über dem Dschungel
Rückblick auf einen Monat Weltreise

3 Bemerkungen

  • Monika Peter sagt:

    Hey Michael ich bin so froh dass alles gut ausging. Ihr sollt als Familie noch viele glückliche Tage erleben. Und noch etwas….du bist ein guter Papi!

  • Guido sagt:

    Frage zuerst immer die Einheimischen, bevor du ins Wasser steigst und wenn niemand da ist zum Fragen, bleib dem Wasser fern.

    Und wenn wir schon beim Wasser sind, hier noch ein gutgemeinter Tipp: Bleibt den Stränden am Abend fern! Ohne Einheimische niemals solo im Dunkeln am Strand aufhalten bitte. Das ist ein NO-GO in Lateinamerika.

  • beatrice felber sagt:

    @ Michael:
    das war wohl knapp mit den wellen. danke, dass du so ehrlich deine gefühle beschreibst.
    wenn niemand sonst sich im wasser tummelt hat dies (meistens) einen guten grund. das meer sollte nie unterschätzt werden!

    @ Mirjam:
    toll wie du die unterschiede auf den punkt bringst!

    ich freu mich immer über eure berichte
    gute weiterreise
    beatice

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