Mit «Organic Food» gegen die Mafia

autor michael 2 Mit «Organic Food» gegen die Mafia

Ihr wisst es aus dem letzten Beitrag: Mirjams Reifen hatte einen Platten. Wir befanden uns kurz hinter der Grenze Costa Rica – Panama. Unsere ersten sieben Kilometer in einem neuen Land und wir brauchten eine Unterkunft. Niemand wusste, wo wir hier Hostels finden.

Einen Kilometer weiter fanden wir kein Hostel, sondern eine kleine Fonda. Ein kleines panamesisches Restaurant. Eine typische Imbissbude für Einheimische, kombiniert mit einem Gemüseladen. Was wir dort erlebten, war eine Berg- und Talfahrt der Gefühle.

UNSER ZIMMER MIT PRIVATEM BAD

Bernardino sass bei seinen Gästen und plauderte, als wir ihm von unserem Unglück erzählten. Er stand auf und meinte: «Ihr könnt bei uns im Haus schlafen.» Ein sympathischer Mann mit Silberkettchen und einem leicht humpelnden Bein. Seine Frau schaute ein bisschen skeptisch aus der Wäsche. Bernardino stand auf und zeigte uns das Zimmer. Wie drücke ich das jetzt diplomatisch aus? Das Zimmer mit «privatem Bad» befand sich mitten in der Bauphase. «Daraus mache ich ein schönes Gästezimmer.» Meinte Bernardino Im Moment fehle das Geld.

IMMER DAS GLEICHE

Wir duschten auf der Baustelle und versuchten mit all unseren Möglichkeiten das Zimmer etwas wohnlicher zu machen. Mittlerweile wissen wir: Wenn die Kinder sich wohl fühlen, ist die halbe Miete gezahlt. Und sie brauchten etwas zu essen.

 

Deshalb gingen wir, geduscht und erholt, hinüber zu Bernardino und seiner Frau. Hinüber in ihre Fonda. Ich sage es euch ganz ehrlich: Diese Fondas (in Costa Rica heissen sie Sodas) gehen mir allmählich auf den Geist. Oft findest du da einen lieblosen Schuppen, der eine Kombination aus Restaurant und Lagerhalle ist. In diesem Fall eine Kombination aus Restaurant, Lagerhalle und Gemüseladen.

REIS MIT BOHNEN

Und das Menü ist Reis mit Bohnen. Immer das gleiche. Immer Reis. Immer Bohnen. Und das in einem Land, in dem es eine endlose Auswahl an Früchten und feinstem Gemüse gibt. Egal. Sie kochen Reis und Bohnen. Als hinge ihr Leben davon ab. Darum gibt es Reis mit Bohnen zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen und zwischendurch. Und während ich erneut den Reis mit Bohnen «genoss», kamen wir mit unseren Gastgebern in ein Gespräch.

SCHULDEN UND PROBLEME

Bernardinos Frau kommt aus Nicaragua. Er selbst ist aus Panama. Sie wohnen seit zwei Jahren hier in Panama und vorher führten sie ein Lokal in Costa Rica. Das war eine tolle Zeit mit viel Geld. Dann kam die Wirtschaftskrise und das Aus für ihr Lokal. Sie kehrten nach Panama zurück und kauften sich ein Haus und eine Fonda, direkt an der Panamericana. Sieben Kilometer hinter der Grenze.

Sie seien versunken in Schulden und Bernardinos Frau hatte gerade eine Operation hinter sich. Ich sah Mirjam an, dass wir an dasselbe dachten: Würde er die Fonda etwas auf Vordermann bringen, würden hier bestimmt ein paar mehr Touristen vorbeischauen. Wir überlegten, wie wir helfen könnten. Mirjam war nicht scharf darauf, mehr als eine Nacht auf dieser Baustelle zu bleiben. Und es hatte kein Internet.

BLEIBEN TROTZ MAFIA?

Sie kam mit Bernardino ins Gespräch. Und während diesem Gespräch änderte sie ihre Meinung. Bernardinos Schulden wuchsen ihm über den Kopf. Unwissend hatte er Geld bei einer korrupten Organisation geliehen, die ihm jetzt angeblich mit Mord drohte.

Sie entschied sich nicht um, weil sie einen Faible für die Mafia hat. Warum sie sich entschied zu bleiben, wird sie in einem nächsten Blog ausführlicher berichten.

«WIR BLEIBEN UND HELFEN EUCH»

«Wir bleiben und helfen euch.» Die beiden fingen an zu weinen und bedankten sich bei uns, als wären wir vom Himmel gesandte Engel. Ich unterbrach den emotionalen Augenblick und sagte ihnen, dass es jetzt Arbeit braucht und Material. Das Material würden wir kaufen. In Sachen Arbeit bräuchten wir ihre volle Unterstützung.

ARBEITEN UND JAMMERN

Am nächsten Morgen legten wir los. Mirjam brachte die Küche auf Vordermann, während ich mit Bernardino eine Tonne Mais durch die Gegend fuhr. Er habe zwei grosse Maisfelder und der Mais sei schwierig zu verkaufen. Diese Arbeit sei ein kleiner Tropfen auf dem heissen Stein.

Auf dem Rückweg kauften wir Schleifpapier, Farbe und Pinsel ein. Ich versuchte ihm in einfachem Spanisch zu erklären, wie er mit einfachen Mitteln vieles verschönert. Als wir in seiner Fonda ankamen, räumten wir zunächst alles aus. Eine alte Vespa, einen kaputten Kühlschrank und unzähligen Müll. Wir putzten und entrümpelten und sammelten Ideen, wie wir den Laden aufwerten könnten. Beim gemeinsamen Abendessen fiel mir auf: Bernardino und seine Frau jammerten ohne Ende.

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MEIN MOTIVATIONSKILLER

Ihre Operation, die Schulden und dann Panama. In Panama existiert keine öffentliche Krankenkasse, die Polizei ist korrupt und die Gringos haben die Oberhand. Ich sass da und würgte den Reis mit Bohnen herunter und dachte: Ich schlafe in einem Loch, esse Reis mit Bohnen, putze und entrümpele und höre mir zum Dank ein Gejammer an. Mir ging das nicht in den Kopf.

ORGANIC FOOD

Trotz allem ging es am nächsten Morgen weiter.

Mirjam liess das Schlagwort «Organic Food» fallen. In ihrem Gemüseladen seien feine Sachen zu finden. Organisch und gesund. Touristen stehen auf gesunde, trendige Menüs und nicht auf importierten Reis mit Bohnen. Wir bastelten Schilder, bemalten die Wände, diskutierten über die Dekoration und über Tischgruppen aus alten Paletten.

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DRAMA UND EMOTIONEN

Und dann kam er. Der Mann, dem das Ehepaar das viele Geld schuldet. Die Geschichten über die Schulden bei der Mafia waren nicht erfunden. Ich sah einen leicht übergewichtigen Mann in seinem Suzuki sitzen. Mit drohenden Gesten verhandelte er gut zehn Minuten an einem hellichten Sonntagnachmittag mit Bernardino. Ich glaubte eine Knarre zu sehen. Mir war klar: Das ist ein Handlanger. Einer, der unter Druck steht. Ganz oben in der Organisation hockt ein reicher Mexikaner, der sein Geld will. Viel Angst, viel Drama und viele Emotionen.

ALLES UMSONST?

Nach dem Gespräch sagte ich Bernardino, dass jetzt eines gilt: Weiterarbeiten. Eine andere Chance habe er nicht. Wir nahmen die Pinsel wieder zur Hand und strichen das Restaurant weiter.

 

Insbesondere Bernardinos Frau jammerte, was das Zeug hielt. Und dann verlor ich die Geduld und sagte, dass ich das Gejammer nicht mehr ertrage. Auf Deutsch. Mirjam übersetzte es diplomatisch. Diplomatisch genug, um das Gejammer am Laufen zu halten. Zumindest für den Moment. 

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Genervt rannte ich meine Trainingsrunden, während Mirjam mit den Kindern schlafen ging. Ich kam heim und sah die beiden, wie sie ein Rezeptbuch studierten. Mit organischen Rezepten. Ich war verblüfft. Ich hatte erstmals den Eindruck, dass unsere Mühen nicht umsonst waren.

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WEITER IN PANAMA

Am nächsten Morgen hielten sie uns einen Vortrag über die Ideen und Visionen, die sie jetzt für ihre Fonda haben. Wir waren überwältigt. Und wir waren überzeugt, dass wir jetzt weiterziehen könnten. Für sie war der Abschied eine bittere Pille. Wir wussten, dass wir uns abgrenzen müssen. Dass sie es alleine schaffen. Sonst scheitert das Projekt ohnehin. Wir glauben daran, dass die beiden aus ihrem Lokal etwas tolles machen. Und falls ihr mal an der Grenze von Costa Rica zu Panama vorbeikommt, findet ihr nach sieben Kilometern ein Schild: «Organic Food». Gemalt von meiner Frau. Und wir hoffen, dass ihr dort mehr findet, als Reis mit Bohnen.

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Sind wir mutig?
Von Costa Rica nach Panama

Ein Kommentar

  • Andreas sagt:

    Hallo zusammen. Gut geschrieben. Michael du kennst mich ja ich bin pesimischt, vielleicht durch meine Reisen und Erfahrungen auch zu einem gemacht worden. Hier mein Kommentar. Falls das wirklich stimmt mit der Mafia, habt ihr viel riskiert, denn die Mafia ist es schnuppe woher das Geld kommt, und die machen von nichts halt sowieso nicht von schweizern mit Kinder. Kleiner Tip: sagt nicht das ihr aus der CH kommt, besser DE oder Österreich das ist vom Dialekt auch glaubwürdig. Mein Gefühl sagt mir jedoch das die Mafia erfunden wurde um dein Geldbeutel locker zu machen. In diesem Fall habt ihr gut reagiert und ihnen gezeigt wie man selber fischt. Und mit jammern allein nicht weiter kommt. Seit vorsichtig mit eurer Hilfe… aus meiner Erfahrung sind die die am lautesten schreien meist Betrüger. Die Leute die Hilfe brauchen, erwarten keine. C U in Anchorhead i will be at the Bar 😉

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