«El juego de los diablitos»

autor mirjam «El juego de los diablitos»

Hier in Boruca sitzen die Leute meistens gemütlich vor ihrem Haus und machen nichts. Nichts. Wirklich nichts. Wir glauben mittlerweile, dass wir Europäer gar nicht wissen, wie Nichtstun geht. Okay, hin und wieder unterhalten sie sich. Um dann wieder in aller Ruhe dazusitzen und um das süsse Nichtstun zu geniessen.

In den Tagen vor der grossen «Fiesta» – dem Fest zum Jahresende – hier in Boruca ändert sich dieses Bild. Dann sitzen die Männer des Dorfes stundenlang vor einem grossen Stück Holz und schnitzen sich eine Maske.

EINE URALTE TRADITION

«Die Masken haben eine uralte Tradition.» erzählten uns die Borucaner. Welchem Zweck sie dienten, wissen sie selbst nicht. Viel ihrer Geschichte ist verloren.

In jedem Fall sind sie mächtig stolz auf ihre Handwerkskunst. Zurecht. Jede Maske hier ist einzigartig und ein unbeschreibliches Kunstwerk aus Details und Farben. Um das Handwerk zu erlernen, bieten die Borucaner teilweise Workshops an. Und jede Generation gibt diese Tradition an die nächste Generation weiter – an die männliche Generation. Den Frauen bleibt die Organisation des Festes und sie dürfen Tamales kochen und nötige Anweisungen verteilen.

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SCHWEINE ZU SCHLACHTEN HAT TRADITION

Zwei, drei Tage vor dem Fest, liefen immer mehr Gringos durch das Dorf. Das Fest gilt in Costa Rica als Touristenattraktion. Und weil die Borucaner deshalb superstolz auf ihren Brauch sind, schlachtet jede Familie wenige Tage vor dem grossen Fest, ein Schwein.

Unsere Nachbarn waren die ersten. Deren Schwein fuhr in einem wackeligen Anhänger durch das Dorf zu seinem Schlachtplatz – dem Garten der Nachbarn. Mit nicht mehr, als an einer Schnur befestigt, zitterte das Schwein bereits bei dem ewigen Versuch auf der engen Strasse richtig einzuparken. Wir fragten uns, was mit dem Schwein passiert. Und ahnten etwas – das leider eintrat.

UNSERE KINDER

Während den 30 Minuten, in denen sie das Schwein fesselten, quiekte es um sein Leben. Für die Männer eine Knochenarbeit, da das Schwein sich mit aller Kraft wehrte. Wir hörten das Schwein in Todesangst meterweit quieken.

Nathan war neugierig und lief zu den Nachbarn um zuzuschauen. Elea blieb mit mir zurück.

KEINE ANGRIFFE ERLAUBT

Wir begannen mit unserer Gastfamilie ein Gespräch über einen würdigen, kurzen und schmerzlosen Abschied. Michael erklärte den Borucanern, dass dieser Vorgang für das Schwein eine Tortur ist. Während dieser Tortur setzt das Schwein viele Stresshormone frei, die sich im Fleisch festsetzen und dessen Qualität senken. All unsere Versuche sie etwas zu sensibilisieren, blieben erfolglos.

Für die Borucaner ist alles, was sie in ihrer Identität und in ihrer Kultur in Frage stellt, ein Dorn im Auge. Ihnen passte diese ehrliche und direkte Art von Michael gar nicht.

«LOS JUEGOS DE LOS DIABLITOS»

«Los juegos de diablitos» – das Schauspiel, mit dem das grosse Fest beginnt – bringt diese Einstellung der Borucaner ebenfalls zum Ausdruck. Mit diesem Spektakel erinnern sich die Indios zurück, an den Einfall der Spanier und an ihren erbitterten Kampf gegen den spanischen Stier. Für sie ein Zeichen dafür, dass sie ihre Identität und ihre Kultur bis aufs Blut verteidigen.

Ein Stier stellt bei dem Schauspiel den spanischen Eindringlinge dar. Die Männer mit den Masken sind die Krieger Borucas. Die Spiele beginnen um Mitternacht. «Das ist besser, da schlafen die Kinder. Sie bekommen meistens Angst.» Erklärten die Borucaner.

DAS SPEKTAKEL IN DER NACHT

Am Abend bevor das Fest begann, fielen wir müde in unsere Betten – pardon – auf unsere Matten im Zelt. Wir erwachten mitten in der Nacht durch die Geräusche von Schüssen, dem wilden Gekreische erwachsener Männer und dem lauten Getöne eines Horns, das an einen prähistorischen Kriegsfilm erinnerte.

Michael schlief weiter, während ich neugierig aus dem Zelt schlich. Ich lief in die Richtung, aus der die Kriegsgeräusche kamen. Und im Zweifelsfall folgte ich ein paar betrunkenen Indios, die laut grölend das Kriegsgeschrei der Männer nachahmten. Ich fand die Diablos, die eine Kriegspause machten. Mit Bier in der Hand. «Sie laufen durch das ganze Dorf von Haus zu Haus.» Erklärte mir einer der Einwohner.

SPUREN EINER TRADITION

Das Hörn ertönte und die Krieger zogen weiter. Torkelnd und grölend.

Das Fest ist eine riesige Party und Touristenattraktion. Ein Überbleibsel von einem traditionellen Brauch der Ureinwohner und deren Versuch das letzte Bisschen ihrer Kultur zu erhalten. Die Masken erinnern an diese Spuren.

ABSCHIED VOM TOURISTENSPEKTAKEL

Ich lief an den Betrunkenen vorbei, zurück zum Zelt, zurück zu meiner Matte. Und versuchte trotz des Gegröles ein bisschen zu schlafen. Am nächsten Tag beschlossen wir weiterzuziehen. Das Authentische einer tiefwurzelnden Kultur versandete für uns ein bisschen in dem grossen Touristenspektakel.

Die Kultur der Borucaner, ihre Gastfreundschaft und ihr harmonisches Dorfleben faszinierten uns. Es ist schwer in einer modernen Welt, in der Tourismus eine Mega Business ist, die Wurzeln seiner Kultur zu bewahren. Und wir sind dankbar, dass wir einen grossen Teil dieser Kultur – mit allem Guten und Schlechten – miterleben durften.

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